Wie entscheidest du eigentlich?
- Raffaela Schmid

- 28. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Nicht: Welche Entscheidung triffst du?
Sondern: Wie entsteht sie in dir?
Was meldet sich denn zuerst?
Der Verstand? Der Körper? Ein Gefühl? Eine Angst? Eine Hoffnung? Eine alte Erfahrung? Oder etwas, das sich gar nicht so leicht in Worte fassen lässt?
In den letzten Wochen begegnet mir dieses Thema immer wieder – in Gesprächen mit Klientinnen und Klienten, im Freundeskreis, in der Öffentlichen, in Podcasts und klar in meinem eigenen Leben.
Viele von uns stehen gerade an Weggabelungen. Entscheidungen, die sich nicht länger aufschieben lassen oder eine gewichtige Rolle für die Zukunft tragen.
Und je länger ich mich damit beschäftige, desto faszinierender wird die Frage, wie wir eigentlich entscheiden…
Früher glaubte ich, das Ziel sei, die richtige Entscheidung zu treffen. Heute bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob das überhaupt die entscheidende Frage ist.
Meistens wissen wir ja erst im Rückblick, wohin uns eine Entscheidung geführt hat. War sie dann richtig oder falsch? Oder war sie einfach Teil unseres Weges?
Vielleicht beurteilen wir Entscheidungen viel zu oft nach ihrem Ergebnis. Dabei konnten wir sie immer nur mit dem Wissen, den Erfahrungen und dem inneren Zustand treffen, den wir in diesem Moment hatten. Vielleicht gibt es deshalb gar nicht die eine richtige Entscheidung. Sondern Entscheidungen, die bewusster oder unbewusster entstehen – aus Angst, aus Vertrauen, aus Mangel, aus Hoffnung, aus einem Nervensystem das Sicherheit sucht, oder aus einer inneren Stimmigkeit.
Früher wollte ich möglichst schnell entscheiden und schon garnicht eine Nacht drüber schlafen, weil dann schläft man ja und entscheidet nicht.
Oft fühlte sich die Entscheidung sogar intuitiv stimmig an – wie ein klares Bauchgefühl.
Und genau das machte es so kompliziert:
Was wir Bauchgefühl oder Intuition nennen, ist selten ein reines, ungetrübtes Signal. Es ist geprägt von früheren Erfahrungen, von dem, was uns einmal Sicherheit gegeben oder bedroht hat, und von dem aktuellen Zustand unseres Nervensystems. Ein unreguliertes Nervensystem kann dieses Gefühl verstärken, verzerren oder unterdrücken.
So vermischten sich bei mir oft echte innere Stimmigkeit und der dringende Wunsch nach schneller Sicherheit. Ungewissheit auszuhalten fühlte sich unangenehm an – und die schnelle Entscheidung gab mir zumindest vorübergehend das Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu haben.
Heute weiß ich: Das war keine Charakterschwäche. Es war eine verständliche Strategie um diszipliniert die Kontrolle von Sicherheit zu halten.
Vielleicht beginnt genau dort Reifung – nicht darin, immer schneller, erfolgreicher oder immer „richtiger“ zu entscheiden, sondern darin, einer Entscheidung Zeit zu geben.
Zeit, in der sich das Nervensystem regulieren darf.
Zeit, in der alte Prägungen leiser werden können.
Zeit, in der sich zeigt, was wirklich stimmig ist und was nur schnell Sicherheit schaffen wollte.
Klar, nicht jede Entscheidung braucht diesen Raum. Wenn ich spontan Lust auf ein Glacé habe oder mich für einen Ausflug entscheide, darf das ruhig aus der Freude des Moments entstehen.
Aber manche Entscheidungen verändern unser Leben: eine Beziehung, ein Abschied, eine Aus-/ Weiterbildung, ein beruflicher Neustart, ein Ja oder ein Nein.
Diese Entscheidungen verdienen manchmal etwas, das wir uns selbst viel zu selten schenken: Zeit.
Zeit, in der Euphorie leiser werden darf. In der Angst sich beruhigen kann. In der alte Schutzmuster nicht sofort das Steuer übernehmen müssen. Manches muss reifen - wie guter Käse dem man auch Zeit und Raum gibt…
Lange Zeit glaubte ich, Frieden entstehe vor allem dann, wenn ich schnelle Entscheidungen treffe und mich anpasse, Harmonie wahre und Ja sage, obwohl ich Nein meine. Manchmal sagte ich auch lange Nein, obwohl in mir längst ein Ja lebte – aus Angst, Unsicherheit oder weil ich mir selbst noch nicht vertraute.
Heute glaube ich, dass Reifung weder bedeutet, grundsätzlich öfter Nein zu sagen, noch immer Ja.
Es geht vielleicht vielmehr darum, immer besser unterscheiden zu lernen:
Wer spricht gerade in mir? Die Angst? Der innere Kritiker? Ein altes Schutzmuster? Die Sehnsucht nach Erfolg und Anerkennung? Oder eine leise innere Stimmigkeit?
Denn manchmal entscheiden wir uns nicht für etwas, sondern vor etwas weg – vor Ablehnung, Veränderung, Unsicherheit oder dem, was ein ehrliches Ja oder Nein auslösen könnte.
Auch das kenne ich zu gut und ich verurteile mich dafür heute nicht mehr. Jede Entscheidung erzählt etwas über den Menschen, der ich in diesem Moment war.
So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Wege, Entscheidungen zu treffen.
Manche schreiben Pro-und-Contra-Listen. Manche führen Selbstgespräche. Manche meditieren. Manche schlafen mehrere Nächte darüber. Andere legen Karten oder pendeln…
Eine Klientin erzählte mir einmal von ihrem ganz persönlichen Ritual: Sie schrieb „Ja“ und „Nein“ auf zwei Zettel, faltete sie zusammen und legte sie auf den Boden. Bevor sie einen auswählte, wurde sie ganz still – fast wie in einer kleinen Meditation. Erst dann ließ sie sich von ihrer Wahrnehmung leiten. Ich musste schmunzeln. Nicht nur wegen der Idee, sondern weil ich ähnliche Wege selbst schon ausprobiert habe.
Es gab eine Zeit, in der ich meinem Bauchgefühl, meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr richtig vertraute. Nicht, weil sie verschwunden war, sondern weil sie von Fluchtreaktion, Selbstzweifeln und meinem inneren Kritiker überlagert wurde.
Ich begann, spielerisch zu experimentieren: mit kleinen Ritualen, mit Resonanz, mit Fragen an das Leben, mit dem bewussten Beobachten dessen, was mir im Alltag begegnete. Nicht, weil ich glaubte, dass mir das Leben fertige Antworten schickt. Sondern weil diese Haltung mir half, wieder neugierig zu werden, wieder zuzuhören und Schritt für Schritt Vertrauen in meine Wahrnehmung zurückzugewinnen.
Immer dann, wenn mich ein Thema wirklich bewegt, scheint es mir plötzlich überall zu begegnen – in einem Gespräch, bei einer Klientin, in einer Dokumentation, in einem Satz eines fremden Menschen. Ist das Resonanz? Selektive Wahrnehmung? Das Universum und das Leben?
Oder arbeitet mein Gehirn einfach mit dem, worauf mein Fokus gerade gerichtet ist – so wie wir plötzlich überall gelbe Autos sehen, sobald wir selbst eines fahren?
Ich weiß es nicht und vielleicht muss ich das auch gar nicht. Vielleicht genügt es, alle Möglichkeiten offen stehen zu lassen und neugierig zu bleiben. Nicht entweder-oder. Sondern sowohl-als-auch.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessiert mich die Frage, welche Methode die richtige ist. Viel spannender finde ich: Was hilft einem Menschen, wieder in Verbindung mit sich selbst zu kommen? Für den einen ist es ein Spaziergang. Für die andere eine Meditation. Für jemanden eine Liste. Für einen anderen Karten, ein Pendel oder eine Hypnose. Nicht, weil diese Methoden die Antwort kennen. Sondern weil sie einen Raum öffnen können, in dem wir uns selbst wieder besser hören und spüren.
In meiner therapeutischen Arbeit beobachte ich immer wieder, dass häufig nicht die Entscheidung selbst das eigentliche Problem ist, sondern der Zustand, aus dem heraus entschieden wird.
Manche Menschen pendeln zwischen Ja und Nein. Andere geraten in eine Starre. Wieder andere flüchten. Nicht, weil sie schwach sind, sondern weil ihr Nervensystem versucht, sie zu schützen. Hier kann Hypnose ein wertvoller Begleiter sein – nicht, um Entscheidungen abzunehmen oder Antworten vorzugeben, sondern um einen inneren Raum entstehen zu lassen, in dem Menschen sich selbst wieder besser wahrnehmen können. Manchmal zeigt sich eine Antwort während der Trance. Manchmal erst Tage später. Still. Leise. Fast unscheinbar. Aber stimmig.
Und selbst wenn sich eine Entscheidung später als schmerzhaft herausstellt, bleibt mir etwas, das niemand nehmen kann: Ich darf mich immer wieder neu entscheiden. Wie ich damit umgehe. Ob ich mich dafür verurteile. Oder ob ich frage: Was möchte mir diese Erfahrung zeigen?
Nicht jede Erfahrung fühlt sich leicht an. Aber ich muss ihr nicht zusätzlich die Last meiner Selbstverurteilung mitgeben.
Heute entscheide ich mich immer häufiger dafür, das Beste aus dem zu machen, was das Leben mir gerade zeigt.
Nicht, weil alles gut ist. Sondern weil auch schwierige Erfahrungen Teil meiner Reifung sein dürfen.
Vielleicht besteht unser Leben gar nicht aus der Suche nach den richtigen Entscheidungen. Vielleicht besteht es vielmehr aus der Bereitschaft, uns selbst immer besser kennenzulernen – während wir entscheiden.
Denn je besser ich mich selbst kenne, desto bewusster kann ich entscheiden.
Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Nicht garantiert richtig. Aber immer mehr in Verbindung mit mir selbst.
Und vielleicht suchen wir unser ganzes Leben nach der perfekten Antwort oder richtigen Entscheidung, obwohl wir eigentlich nur vergessen haben, unseren eigenen Platz einzunehmen.
Nicht den Platz, den andere für uns vorgesehen haben.
Nicht den, der möglichst weit, erfolgreich und beeindruckend aussieht.
Sondern den, der sich stimmig anfühlt – auch wenn er schmaler, stiller oder tiefer ist als erwartet.
Manchmal bedeutet das: Nein zu sagen zu dem, was noch mehr Weite verspricht,
und Ja zu dem, was tiefer führt.
Nicht, weil es die richtige Entscheidung ist.
Sondern weil es die ist, die aus dem eigenen Platz heraus entsteht.
Welche Entscheidung in dir wartet gerade darauf, aus genau diesem Platz heraus getroffen zu werden?



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