top of page

Wenn der Hammer nicht mehr reicht

„Wer nur einen Hammer besitzt, sieht überall Nägel.“

Als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, fand ich ihn treffend. Heute berührt er mich tiefer – nicht weil ich mich im Hammer wiedererkenne, sondern in der Suche selbst. Diese Suche begann leise, vielleicht sogar schon in meiner Kindheit.

Sie entsprang nie dem Wunsch, andere zu analysieren, sondern einer Frage, die viele von uns irgendwann leise in sich tragen: „Was stimmt mit mir nicht?“


Heute stelle ich diese Frage nicht mehr. Nicht weil ich alle Antworten gefunden hätte, sondern weil ich erkannte, dass sie bereits eine problematische Voraussetzung enthält: dass mit mir etwas nicht in Ordnung sein müsse.

Stattdessen wollte ich verstehen: „Warum fühle ich, wie ich fühle? Warum sprechen Kopf und Herz manchmal verschiedene Sprachen? Warum wiederholen sich Muster, obwohl wir sie längst kennen? Warum wissen wir etwas und handeln dennoch nicht danach?“


Mit der Zeit veränderte sich die Frage fast unbemerkt. Aus „Was stimmt mit mir nicht?“ wurde: „Welche Erfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin?

Plötzlich suchte ich keine Fehler mehr, sondern Zusammenhänge. Jede Antwort warf neue Fragen auf, jedes Buch öffnete weitere Türen, jede Ausbildung sowie Begegnung machte das Bild vom Menschen größer – nicht klarer, sondern umfassender.


Je besser ich mich selbst verstand, desto mehr veränderte sich auch mein Blick auf andere. Statt zu fragen „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“, fragte ich: „Was hat dieser Mensch wohl erlebt? Welche Geschichte trägt er in sich? Welche Erfahrungen haben ihn geprägt?

Ich begann zu ahnen, dass sichtbares Verhalten oft nur die Spitze eines Eisbergs ist.

Genau dort entstand eine Haltung, die mich bis heute begleitet: die Überzeugung, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte liegt und dass jeder mehr ist als das, was wir auf den ersten Blick erkennen.


Mit meiner Suche öffneten sich immer neue Türen

Ich begegnete der Psychologie, Schulmedizin, Körperarbeit, Traumatherapie, Spiritualität, Neurowissenschaft, Hypnose und vielen Menschen, die ihr Leben einem Fachgebiet gewidmet hatten.

Jede Disziplin bereicherte mich. Manchmal glaubte ich, endlich die Zusammenhänge zu verstehen – doch bald öffnete sich die nächste Tür. Was früher frustrierend war, empfinde ich heute als Geschenk.


Mir fiel auf, dass jede Fachrichtung ihre eigene Sprache spricht, weil sie einen bestimmten Ausschnitt des Menschseins beleuchtet. Jede Perspektive hat ihre Stärke – und jede ihre Grenze.

Diese Suche ist universell, auch wenn sie sich bei uns allen in unterschiedlicher Verkleidung zeigt.

Viele von uns haben einen Hammer mitbekommen, der lange Zeit gut funktioniert hat: Leistung, Harmonie, Kontrolle, Selbstaufgabe oder das ständige „stark sein“.

Solange dieser Hammer passte, schien alles überschaubar. Doch irgendwann reicht er nicht mehr.

In allen Fällen führt die Suche zum selben Ort: weg von der Frage „Was stimmt nicht mit mir?“, hin zu „Welche Geschichte habe ich gelebt – und welche darf ich jetzt neu schreiben?

Sobald wir erkennen, dass unser bisheriger Hammer einfach nur ein Werkzeug war und kein Maßstab für unseren Wert, öffnet sich etwas. Dann können wir einander anders begegnen – nicht mehr als Träger bestimmter Rollen oder Erwartungen, sondern als Menschen, die eine komplexe, widersprüchliche und würdige Geschichte tragen.


Die Würde des Menschen

Jede Erklärung hat große Kraft: Sie schenkt Orientierung, entlastet, macht Zusammenhänge sichtbar und gibt Hoffnung.

Gleichzeitig birgt sie die Gefahr, den Menschen auf die Erklärung zu reduzieren…

Ein Trauma erklärt vieles, doch ein Mensch ist nicht sein Trauma.

Eine Diagnose kann hilfreich sein, aber sie ist nicht der Mensch.

Dasselbe gilt für Glaubenssätze, Bindungsmuster, neurologische Erkenntnisse oder spirituelle Sichten.


In den letzten Sitzungen – ob in den VerbindungsWerk-Abenden oder in den Einzelhypnosen – durfte ich immer wieder erleben, wie zentral das Thema Selbstwert ist und ich habe etwas Entscheidendes entdeckt:

Der Selbstwert geht eigentlich nie verloren. Er wird nur zugeschüttet von all den Geschichten, die das Leben uns erzählt.

In der Begleitung ging es dann meist nicht darum, etwas Neues aufzubauen, sondern darum, den vorhandenen Selbstwert wieder freizulegen und zu würdigen. Eigentlich war es die Würde für den eigenen Selbstwert, die verloren gegangen war.


Genau deshalb bewegt mich das Wort Würde gerade so stark.

Wir begegnen ihr im Alltag oft erst, wenn es um Sterben, Tod oder einen würdevollen Abschied geht.

Dabei sehne ich mich danach, die Würde mitten ins Leben zu holen – als wunder-würdevoll-schön.

Eine Würde, die nicht erst am Ende geschenkt wird, sondern die wir uns selbst und einander schon jetzt, mitten im Alltag, zugestehen dürfen.

Würde beginnt für mich genau dort: wo wir den Mut haben zu sagen „Ich sehe etwas, aber nicht alles“. Sie beginnt nicht erst beim würdevollen Sterben, sondern im würdevollen Leben – in einem Leben, in dem ein Mensch mehr sein darf als seine Geschichte, seine Verletzungen, seine Erfolge oder seine Fehler.


Verbindung

Rückblickend diente meine Suche nicht nur mir selbst. Sie führte mich zu der Erkenntnis, dass nicht die Antworten mein Leben veränderten, sondern die Art zu fragen. Keine Perspektive musste kleiner werden, damit eine andere größer sein konnte. Je mehr ich allen zuhörte, desto vollständiger wurde mein Bild vom Menschen.


Vor kurzem wurde mir gespiegelt, ich sei zu selbstlos und solle mehr Selbstwert zeigen…Das hat mich zum Nachdenken gebracht, denn genau diese Haltung – das Wertschätzen, die Begleitung, die Würde und Liebe, mit der ich Menschen begegne – ist für mich keine Selbstaufgabe oder Herabsetzung meines Selbstwertes, sondern eine tiefe Herzensangelegenheit. Ich stelle mich nicht kleiner, wenn ich andere in ihrer Kraft sehe und würdige. Im Gegenteil, ich lade sie ein, sich voll zu zeigen, und schaffe dadurch einen sicheren Raum, in dem sie einfach sein dürfen.

Es ist ein Geschenk, wenn Menschen mir sagen: „Bei dir darf und kann ich einfach sein.“

Ich wünsche mir für uns alle – im Kleinen wie im Großen – deutlich mehr Würde, Wertschätzung, Liebe und Frieden und ich glaube, dass sich sehr viele Menschen genau das tief im Herzen ebenfalls wünschen.


Die Haltung hinter der Verbindung

Warum fällt es uns schwer, den Menschen einfach Mensch sein zu lassen?

Gewissheit gibt Sicherheit. Erklärungen schaffen Ordnung. Doch jede Erklärung birgt die Versuchung, zu glauben, wir hätten den Menschen vollständig verstanden. In diesem Moment hören wir auf, ihn zu entdecken.


Demut ist daher kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Respekt.

Ich sehe etwas, aber niemals alles.

Jeder Mensch trägt eine Geschichte in sich und meist auch eine ganz eigene Brille, durch die er die Welt betrachtet.

Die verschiedenen Disziplinen – Psychologie, Medizin, Spiritualität und all die anderen – sind wie unterschiedliche Brillen. Jede zeigt uns einen wichtigen Ausschnitt. Wenn wir den Mut haben, unsere eigene Brille mal abzusetzen oder bewusst zu wechseln, entsteht mehr Raum.

Dann wird aus dem starren Entweder-oder ein lebendiges Sowohl-als-auch. Alles darf sein. Alles hat Platz.

Die bessere Strategie ist nicht mehr das Höher-Schneller-Weiter, sondern die Präsenz in der Mitte – dort, wo wir neugierig bleiben und uns gegenseitig in unserer ganzen Vielschichtigkeit begegnen können.


Wissen sammelt Antworten. Weisheit bewahrt das Staunen. Vielleicht beginnt wahre Menschlichkeit dort, wo wir wieder lernen zu staunen – über das Leben, über den Menschen und über die Vielfalt unserer Erfahrungen.


Der Hammer bleibt ein gutes Werkzeug. Doch kein Werkzeug dieser Welt darf größer sein als der Mensch, dem es dienen soll.

Für mich ist diese Haltung heute weit mehr als eine Philosophie. Sie ist mein VerbindungsWerk – die Art, wie ich mit mir selbst, mit anderen Menschen, mit dem Leben und mit allem, was ist, in Beziehung trete.

Aus meiner eigenen Geschichte habe ich im Laufe der Jahre verschiedene Werkzeuge zusammengetragen. Nicht weil ich mich selbstlos aufopfern wollte, sondern weil ich genau dort hingeführt wurde, wo mein Herz am stärksten schlägt.

So kann ich jeden Menschen individuell begleiten – mal mit dem Schraubenzieher, mal mit der Säge, mal mit dem Hammer und mal einfach auch nur mit den Händen oder Ohren.

Immer mit dem Wissen, dass kein einzelnes Werkzeug ausreicht.

Immer wieder suche ich das goldene Seil, den roten Faden, der alles miteinander verwebt. Nicht um alles zu erklären, sondern um in der Mitte dieser Vielschichtigkeit präsent zu bleiben. Mit Demut, mit Neugier und mit der tiefen Gewissheit, dass jeder Mensch größer bleibt als alles, was wir jemals über ihn wissen oder sagen können.


Und genau darin liegt für mich die eigentliche Freiheit: weiterzusuchen, weiter zu staunen und immer wieder neu Verbindung aufzunehmen – mit mir selbst, mit anderen und mit allem, was das Leben mir schenkt.

Vielleicht ist das der schönste Moment, in dem der Hammer nicht mehr reicht: wenn wir beginnen, mit offenen Händen und offenem Herzen, sowie einer Prise „wunder-würdevoll-schön“ durch die Welt zu gehen.

 
 
 

Kommentare


  • Facebook
  • LinkedIn

©2023 by Raffaela Schmid. Powered and secured by Wix

bottom of page