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Ich wollte über Narzissmus schreiben…

…doch das Leben sprach über Verbindung und wollte gewürdigt werden!


Eigentlich hatte ich einen ganz anderen Blogbeitrag geplant. Einen über Narzissmus. Über Verletzungen, Schutzmechanismen und die Spuren, die manche Beziehungen hinterlassen.

Doch während ich mich hinsetzte, um zu schreiben, merkte ich, dass etwas anderes nach Aufmerksamkeit rief. Nicht die Analyse.

Nicht die Schubladen (oder in meinem Fall die ganze Kommode) und auch nicht die Frage nach Täter oder Opfer.

Sondern die verbindende Begegnungen.


Trotzdem beginnt die Geschichte nicht dort. Denn der Grund, weshalb ich überhaupt über Narzissmus schreiben wollte, hat mit meinem eigenen Weg zu tun.

Wie viele andere Menschen habe auch ich Erfahrungen gemacht, die mich dazu gebracht haben, mich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Nicht nur fachlich, sondern persönlich.

Mit der Frage, warum Menschen verletzen? Warum Menschen bleiben? Warum gewisse Begegnungen so tiefe, auch verletzende, Spuren hinterlassen?

Und irgendwann richtete sich mein Blick nicht mehr nur auf die anderen, sondern auf mich selbst.

Warum bin ich geblieben? Warum habe ich manches so lange toleriert? Warum haben mich gewisse Menschen so tief berührt oder verletzt?

Dann tauchte eine Frage auf, über die erstaunlich wenig gesprochen wird aber dennoch bei vielen Betroffenen ebenfalls relevant wird:


Habe ich selbst narzisstische Anteile? Oder bin ich gar selbst eine Narzisstin?


Eine unbequeme Frage. Vielleicht gerade deshalb, weil sie unser Bild von uns selbst ins Wanken bringen kann.

Doch je ehrlicher ich hinschaute, desto mehr verstand ich, dass viele Verhaltensweisen nicht einfach aus dem Nichts entstehen. Kontrolle. Rückzug. Abwehr. Der Wunsch, sich zu schützen. Der Wunsch, nicht noch einmal verletzt zu werden.


Heute glaube ich, dass viele Menschen solche Anteile in sich tragen. Nicht zwangsläufig als Persönlichkeitsstörung. Nicht als Identität. Sondern als Schutzmechanismen. Als Strategien, die irgendwann geholfen haben zu überleben.

Viele Verhaltensweisen entstehen in Beziehungen. Durch Erfahrungen. Durch Verletzungen. Durch das, was wir erlebt haben – und manchmal auch durch das, was uns gefehlt hat.


Manchmal übernehmen wir unbewusst genau jene Muster, unter denen wir selbst gelitten haben. Nicht weil wir schlechte Menschen sind. Sondern weil unser Nervensystem gelernt hat, sich zu schützen.

Das macht verletzendes Verhalten nicht richtig.

Aber es macht es verständlicher und menschlicher.


Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich Schubladen noch nie besonders interessiert haben. Verstehen schon. Hinterfragen auch. Zusammenhänge mit der ganzen Kommode erkennen, ebenfalls. Doch selten mit dem Ziel, einen Menschen irgendwo einzuordnen.


Mich interessiert die Geschichte dahinter.

Der Mensch hinter der Rolle.

Der Mensch hinter dem Schutzmechanismus.

Der Mensch hinter dem Symptom.

Denn kein Mensch passt vollständig in eine Schublade, vielleicht nicht mal in eine Kommode.


Wir sind alle mehr als unsere Geschichten, Diagnosen, mehr als unsere Verletzungen und mehr als die Strategien, die wir entwickelt haben, um mit dem Leben zurechtzukommen.


Während ich über all das nachdachte, wurde mir bewusst, dass mich diese Woche eigentlich an einen ganz anderen Ort geführt hatte.

Es war eine intensive Woche. Eine Woche voller Emotionen. Eine Woche zwischen Abschied und Neubeginn. Zwischen Trauer und Freude. Zwischen Nachdenken und Erleben.


Da war die Beerdigung eines Menschen, den ich eine Zeit lang begleiten durfte und er mich geprägt hat. Die Erinnerung daran, wie kostbar und endlich dieses Leben ist.

Da war gleichzeitig der Stolz auf meinen Sohn, der bald einen neuen Lebensabschnitt beginnt.

Da waren Menschen, privat wie auch in meiner Praxis, mit ihren Geschichten, ihren Verletzungen und ihren Hoffnungen.

Und da waren intensive Begegnungen, die nachklingen und gewürdigt werden wollen.


Besonders berührt haben mich dabei einige Gespräche mit Männern.

Nicht weil die Geschichten der Frauen weniger wichtig wären. Ganz und gar nicht.

Sondern weil mir in den letzten Wochen mehrfach Männer begegnet sind, die bereit waren, ihre Masken für einen Moment abzulegen. Männer, die von ihrem Schmerz erzählt haben. Von ihren Traumata. Von ihren Zweifeln. Von ihren Erfahrungen. Von ihrem Weg. Nicht dramatisch. Nicht laut. Sondern ehrlich.

Und jedes Mal sass ich da und dachte:

Warum sprechen wir eigentlich so selten darüber? Warum sehen wir so oft nur die Rolle?

Den starken Mann.

Den funktionierenden Mann.

Den erfolgreichen Mann.

Den ruhigen Mann.

Und so selten den Menschen dahinter!


Vielleicht hat mich das deshalb so bewegt, weil ich weiss, wie viel Mut es braucht, sich selbst anzuschauen. Wie viel Mut es braucht, über Dinge zu sprechen, die man nicht jedem erzählt. Wie viel Mut es braucht, die eigene Verletzlichkeit nicht länger zu verstecken. Nicht als Schwäche. Sondern als Stärke.


Denn je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass wahre Stärke nicht darin liegt, alles alleine zu tragen. Sondern darin, sich selbst ehrlich begegnen zu können und dies auch authentisch sichtbar für das Umfeld zu machen.


Und während ich all diese Begegnungen Revue passieren liess, wurde mir etwas bewusst, das mich heute tiefer berührt als jede Diagnose:


Wir werden in Beziehungen verletzt. Aber wir heilen oft auch dort!


Vielleicht ist das einer der wichtigsten Sätze, die ich heute schreiben kann.

Denn nicht jede Begegnung hinterlässt Wunden. Manche hinterlassen Vertrauen. Manche hinterlassen Verständnis. Manche hinterlassen Hoffnung. Manche erinnern uns daran, dass wir nicht alleine sind.

Und manchmal genügt bereits ein einziges ehrliches Gespräch, um etwas in Bewegung zu bringen. Nicht weil dadurch die Vergangenheit verschwindet.

Sondern weil unser Nervensystem eine neue Erfahrung machen darf. Eine Erfahrung von Sicherheit. Von Gesehenwerden. Von Verständnis. Von Verbindung.


Vielleicht ist genau deshalb echte Begegnung so heilsam. Weil sie dort ansetzt, wo die Verletzung entstanden ist. Im menschlichen Miteinander.


Je länger ich Menschen begleite, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass viele unserer Schwierigkeiten nicht aus mangelndem Wissen entstehen.

Sondern aus mangelnder Verbindung. Zu uns selbst und zueinander.

Vielleicht liegt genau dort auch der Ursprung dessen, was später zu meinem eigenen VerbindungsWerk geworden ist.

Die Erkenntnis, dass nachhaltige Veränderung selten durch Druck entsteht.

Sondern durch Verbindung. Verbindung zu unserem Bewusstsein. Zu unserem Körper. Zu unserem Nervensystem. Zu unseren inneren Ressourcen. Zu unserer Geschichte und letztlich zu uns selbst.


Während ich diese Zeilen schreibte, merkte ich, dass dieser Beitrag ein anderer geworden ist als geplant und vielleicht ist genau das seine Botschaft.

Denn rückblickend glaube ich nicht, dass diese Woche analysiert durch das Hauptthema Narzissmus, werden wollte.

Sie wollte einfach nur gewürdigt werden.

Die Begegnungen. Die Gespräche. Die Erinnerungen. Die Emotionen. Die Menschen.

Die inneren Anteile und Schutzstrategien, die sich gezeigt haben und die Erkenntnisse dazu, die nicht erzwungen werden mussten, sondern nur gesehen.

Denn manchmal geht es nicht darum, Antworten zu finden. Manchmal geht es darum, still genug zu werden, um wahrzunehmen, was längst da ist.

Vielleicht war das die eigentliche Botschaft meines Hauptthemas dieser Woche.

Denn je tiefer wir miteinander sprechen, desto weniger werden Rollen sichtbar und desto mehr wird der Mensch sichtbar.


Ich bin heute überzeugt, dass genau das die Räume sind, die wir brauchen.

Räume, in denen Menschen erzählen dürfen.

Räume, in denen zugehört wird.

Räume, in denen Verletzlichkeit nicht als Schwäche verstanden wird.

Räume, in denen Begegnung wichtiger wird als Bewertung.

Räume, in denen wir aufhören müssen, perfekt zu sein und beginnen dürfen,

einfach Mensch zu sein.

In Verbindung. In Begegnung. Im Menschsein.

 
 
 

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